Das Mädchen und das Meer



Das Leben ist ein komisches Ding. Kostbar, zerbrechlich und sinnvoll, aber zur selben Zeit auch schnell, traurig, sinnlos – irgendwie angsteinflößend.


Das fällt mir vor allem auf, wenn ich nachts alleine am Meer sitze. Vermutlich hat das etwas mit der reinen Größe, der Fülle an Wasser und Salz zu tun, die immerwährend am geistigen Horizont brandet und ein Gefühl hinterlässt, das ich nicht besser beschreiben kann als: aus dem Leben gefallen zu sein.

Der Alltag scheint plötzlich weit weg. Aber bald schon, wenn Körper und Seele zur Ruhe kommen, tauchen unweigerlich Fragen auf. Fragen, die wachsen, wenn man auf Wellen blickt, weil einem ohne Vorwarnung auffällt, wie klein man doch ist. Wie unwichtig.


Warum gibt es mich? Und warum gibt es das Meer?

Wofür liebt man? Wofür lebt man? Und – die wichtigste aller Fragen: Warum lebt man?


Früher noch war das Meer mein Spielplatz. Sandburgen waren das einzige, das ich bauen musste und selbst wenn das Meer sie zerstörte, war nichts passiert, war immer noch genug Sand für eine zweite, eine dritte Sandburg da. Dann - Anfang zwanzig - war es mein Ruhepol, fünf Jahre später wühlt es mich nur noch auf, wie ein Sturm die See. Wohin soll ich gehen? Was ist mein Weg? Wann werde ich endlich ankommen?

Ich fühle mich wie ein Schiffbrüchiger. Durstig, hungrig, braungebräunt. jeden Abend gibt es Muscheln und Fisch. Nur bin ich nicht hier gestrandet, nein, ich bin absichtlich hier, fünfzehn Autostunden hat es gebraucht und neun Pausen, damit ich meine Beine bewegen kann, der Thrombose zuvor kommen kann.


Und jetzt bin ich hier und ein Teil von mir genießt, genießt so sehr was ich liebe. Aber der andere Teil, ein müder Teil hat immer noch Angst. Angst vor einem neuen Tumor, Angst vor der nächsten Lungenembolie, Angst vor einem Job, den ich nicht mag, der mich nicht mag. Angst vor Zurückweisung, vor der Angst selbst und vor dem bösen Wort Zukunft.

Eigentlich sollte ein Urlaub entschleunigen, bremsen, vielleicht sogar stärken. Ein Urlaub sollte nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Seele bräunen. Ich könnte sie mit meinen Beinen zusammen eincremen, auf eine Liege legen, ihr ein Buch zum Lesen geben.


Nur was, wenn man merkt, dass das nicht funktioniert? Nicht mit so viel Arbeit, mit so viel Druck, mit so vielen ungeordneten Gedanken? Das Ruhe und Zufriedenheit von innen heraus kommen müssen? Aus einem selbst. Aus mir.

Aus dem, was von mir noch übrig ist nach den letzten zwei Jahren Krankheit.


Das Leben ist ein komisches Ding. Kostbar, zerbrechlich und sinnvoll, aber zur selben Zeit auch schnell, traurig, sinnlos – irgendwie angsteinflößend.

© 2020 Emma Martschinke

Emma Martschinke

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