(...) Die Lichtverschmutzung um die kleine Stadt Mensfield war beträchtlich, dachte man an ihre nur geringe Größe und Einwohnerzahl. Die Straße war auch nachts noch hell erleuchtet, obwohl über die Hälfte ihrer Laternen schon lange ihren Dienst versagt hatten. Offensichtlich fühlte sich keiner für deren Wartung verantwortlich. Eigentlich fühlte sich hier niemand jemals für irgendetwas verantwortlich, als wären alle noch Kinder auf dem Schulhof, die immer dem Kind neben sich die Schuld für alles gaben, was schief lief. Trotzdem wurde es nachts kaum dunkel. Die Lichter der Wohnzimmer und Küchen in den unteren Etagen brannten die ganze Nacht, als hätten die Menschen hier mehr Geld, als sie brauchten, dabei lebten viele von Sozialleistungen. Auch wenn es vielleicht so klingen mag, waren die Mensfielder weder dumm noch schwach, sie waren schlichtweg faul. Zu faul, um sich zu sorgen, zu faul für die Arbeit und zu faul, um abends nach einer lauwarmen, kalkigen Dusche noch einmal nach unten zu gehen, weil das Licht im Wohnzimmer noch brannte.   

Er lehnte im Rahmen seiner Haustür, eine billige Zigarre zwischen Unterlippe und Schnauzer, und ließ seinen Blick über die Pappbecher in seinem Vorgarten wandern. Als er schmatzend mit der Zunge über seine Oberlippe fuhr, schmeckte er den billigen Pfefferminzgeschmack und den Hauch von Asche, der ihn schließlich leise husten ließ. Die Nacht hatte ihn im Griff; wortwörtlich nahm sie sich sein Herz und drückte es fest wie die Hand eines Kindes ein Quetschtierchen aus dem Kaugummiautomaten. Die Nacht ließ ihn weder schlafen, noch atmen, noch denken. Das einzige, wozu er nach den letzten drei Tagen noch fähig war, war das Aufrechterhalten seiner Lügen und das Rauchen selbst. Die Minze bahnte sich ihren Weg durch seine Kehle in die Lunge, wo diese tapfer versuchte, ihn von innen heraus zu entspannen. Das Menthol ließ ihn scharf ein- und ausatmen, doch der kühlende Effekt, den es sonst immer auf seine Schleimhäute hatte, blieb heute aus. Im Gegenteil – seine Lunge brannte, als hätte er in die Glut eines der vor sich hin kokelnden Grills geblasen, um die kleinen umherschwirrenden Partikel beim anschließenden Einatmen in sich aufzunehmen. Um sich zu bestrafen für das, was er hier tat. Er wusste, es war falsch. Das hatte er schon gewusst, bevor es tat, aber er tat es trotzdem. 

Ihm war zu jedem Moment dieser letzten drei Tage bewusst gewesen, dass er immer noch etwas in seiner hinteren Hosentasche mit sich trug, das nicht ihm gehörte und das nichts in seiner Hosentasche zu suchen hatte. Nicht einmal ansatzweise. Der Inhalt einer hinteren Hosentasche war normalerweise austauschbar ähnlich – ein Schlüssel, ein Portemonnaie, möglicherweise auch ein Kondom oder ein bisschen Gras. Würde man eine Hose nach dem Sport in der Umkleide mit der eines Freundes verwechseln, dann würden die Ehefrauen genau diese Dinge vor der Waschmaschine in den Hosen finden und erst nach genauerem Hinsehen wissen, dass es sich nicht um die Hosen ihres Partners handelte. Doch würde man seine Hose heute vor dem Waschen umkehren und nach einem benutzten Taschentuch oder ein paar Münzen durchsuchen, würde man auf etwas stoßen, das ihn nicht nur seine Stelle und den Ruf kosten würde, sondern auch seine Freiheit. 

Er griff mit seiner freien Hand an den Hintern und ließ sie langsam in seine Hosentasche gleiten. Es war immer noch da. Natürlich war es das, denn er hatte die Hose seit dem Verschwinden des Mädchens nicht einmal ausgezogen. Wie seine Lunge begann jetzt auch seine Hand zu brennen. Er schubste sich mit der Schulter aus dem Türrahmen und bewegte sich langsam über den Rasen bis zu einem der Grills. Alle Gäste waren schon längst zuhause. Nur die leeren Pappbecher, Pepsi- und Bierdosen erinnerten an die Gartenparty, die noch vor ein paar Stunden hier stattgefunden hatte. Er starrte in die Glut und wagte nicht zu blinzeln. Bevor er wusste, was er tat, nahm er den Fetzen zwischen Daumen und Mittelfinger, zog ihn aus der Hosentasche und warf ihn in die Glut. Als das hellblaue Stück Stoff die Kohle berührte, krümmte und bäumte es sich wie ein geschlagenes Tier. Kleine schwarze Kreise begannen sich über dem Stoff auszubreiten, und als er die blutigen Flecken darauf verschwinden sah, konnte er das erste mal seit Langem wieder frei atmen. In jener Nacht schlief er ruhig und träumte von einer Welt ohne Molly. (...)

© 2020 Emma Martschinke

Emma Martschinke

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