Unten kocht ein großer Familientopf Kürbissuppe auf dem Herd, meine Hände sind voller Löcher, weil ich versucht habe kleine Monster aus Kastanien zu basteln und das Laub vor der Türe trägt im Alter immer mehr Rouge auf den Wangen. Es ist Herbst. Ganz offensichtlich. 

Wie jedes Jahr bombardiert mich Facebook mit Veranstaltungen zum 31. Oktober. Halloween. Eine Party heißt „Gruselmusel“ und verspricht genau so billig zu werden, wie ihr Name. Die nächste Veranstaltung lockt mit blutverschmiertem Banner und Partyfotos von 2013. Ich kann mich kaum entscheiden, welche mich weniger interessiert. 

Eines wird schnell klar: falls ich mich tatsächlich aus dem Haus traue und dem amerikanischen Halloween-Traum fröne, dann nur kostümiert. Ich habe mehrere Ideen: vielleicht schneide ich nicht nur oben, sondern auch unten ein Loch in meinen Kürbis. Dann setze ich mir das Ding auf den Kopf und umgehe so alle sozialen Phobien und Ängste mit einer sicheren Schicht Kürbisfruchtfleisch als Barriere. Oder ich könnte als Hexe gehen, mir einen Zahn schwarz malen, die Haare mit Mehl grau färben. Endlich würde mein schiefes Lächeln nur Teil eines Kostüms sein; und das auch noch total authentisch. 

Doch je länger ich mich durch die Fotos der letzten Veranstaltungen klicke, desto klarer wird mir: Halloweenpartys sind kein Ort zum Verstecken, sie sind ein Ort um sich nackig zu machen, die Brüste baumeln zu lassen und „ganz man selbst zu sein“. Die Mädchen, die - im wahrsten Sinne des Wortes - durch die Fotos vor mir geistern, haben sich nicht nur ein einfaches Laken über den Kopf geworfen. Keine von denen hat ihren Kopf in einem Kürbis stecken, oder einen schwarzen Zahn, der ihr perfektes Lächeln stört. Eigentlich haben sie alle einfach gar nichts an sich, weder Kleidung, noch Charakter. Bei vielen bin ich froh, dass es das Kunstblut gibt. Es ist überall, auch über den wichtigsten Stellen, die es eigentlich mit Stoff zu bedecken gilt. 

Halloween, die Porno Nacht. Die braven Mädchen steigen einmal im Jahr aus ihren langweiligen Einheitsgräbern und schmücken sich mit kurzen Krankenschwester-Kostümen und engen Teufelsroben. 

„Was ist das denn?“, frage ich mich und klicke mich durch alte Halloween-Kostüme meiner eigenen Vergangenheit. Ich war einfach alles. Eine Blutwurst. Ein Toastbrot. Viel Essen, wenig Sex-Credibility. Und plötzlich stört mich das. Vergleiche ich die Fotos der Sexy-Halloween-Zombies mit meinen Bilder muss ich zugeben: Ins Bett gehen würde ich mit den anderen. Mit denen, die ich eben noch offenkundig verabscheut habe. Ist das nicht komisch? Ich bin fast neidisch, möchte eine von ihnen sein, meine Haare in stundenlanger Arbeit zu voluminösen Locker drehen; mein Hirn eintauschen gegen einen halbvollen Starbucks-Pumpkin-Spice-Latte. Ich möchte die kleine Latex-Polizei-FBI-hallo-ich-bin-geil-Agentin sein, deren Po stärker glänzt als die verschwitze Glatze des Mannes, der seine Zunge in ihren Hals steckt. Aber warum? 

Der kleine Teil Chantal in mir ist geweckt. Der Teil, der Aufmerksamkeit liebt, gefallen will, belanglosen Sex hat, einen glänzenden Latex-Polizei-FBI-hallo-ich-bin-geil-Agenten-Po haben möchte. Anders kommt man nicht gegen die anderen an, denke ich. Als Kürbis geht man eben einfach unter, denke ich. 

Und dann schaue ich nach rechts. Mein Freund sitzt neben mir und liest ein Buch.  „Würdest du dich in ein Mädchen in Latex verlieben, oder in eins mit einem riesen Kürbis auf dem Kopf“, frage ich. „Wie groß ist der Kürbis?“, fragt er, als ob das einen Unterschied machen würde. „Ziemlich groß“, sage ich stolz und nicke ihn aufmunternd an. „Dann wird’s die Frau mit dem Kürbis“, sagt er und liest weiter. 

Falls ich mich also tatsächlich entscheide auf eine dieser Partys zu gehen und meinen Agentinnen-Hintern inkognito schwingen zu lassen, dann werde ich das in einer gemütlichen Schale aus Fruchtfleisch tun. Oder wie wäre es mit einem flauschig behaarten Werwolf, ich glaube, das Fell könnte mir stehen...

Wenn man das Gefühl hat, sich selbst gefunden zu haben, passiert das meistens, weil man eine neue Stufe erreicht, oder einen neuen Weg eingeschlagen hat. Nach meinem Studium dachte auch ich, dass ich endlich „ich“ wäre - ein fertiger Klumpen Lehm, der durch Gesellschaft, Bildung und Erziehung geformt, nun mit dem Abschluss glasiert und gebrannt wurde.  

Doch wenn dieses kurze Hochgefühl schließlich mit der Suche nach einer Wohnung, einem Partner, oder einem Job verpufft, findet man sich wieder, neben der letzten Staffel Desperate Housewives – es gibt sieben davon - und einer leeren Packung Smacks in den klebrigen Kinderhänden. Und in diesem Moment, in dem man plötzlich erkennt, dass das wahre Ich- das innere Selbst, das irgendwann im Lehm verloren ging -eigentlich immer noch weint und tobt, ergeben sich Fragen, die man sich hätte früher stellen können: Wer bin ich, was will ich und seit wann sind Smacks so scheiße klebrig?

Irgendwie war man sein ganzes Teenager Leben damit beschäftigt, nach Freunden zu lechzen, sein Gewicht zu halbieren und den Prinzen vom Pferd zu schießen. Da blieb keine Zeit für nachmittägliche Sesselsitzereien, die einem den Sinn des Lebens ein bisschen näher brachten, oder zumindest die Frage nach jenem aufwarfen. Und während man, statt auf eben diesem Sessel, auf Schulbänken und an Schreibtischen saß, vergaß man auch noch, was man selbst vom Leben wollte; denn es wollte ja andauernd jemand anderes etwas von dir und für dich. Auf meinem Bildungsweg vergaßen die Menschen nie, wasich werden sollte, aber immer öfter,werich werden wollte. Ich habe mich noch nie gefragt: Bin ich nachdenklich? Bin ich laut? Bin ich kompromissbereit, extrovertiert, oder interessiert? Habe ich Freunde, die mich glücklich machen? Oder: Steht mir die Farbe Rosa? Und immer noch habe ich keine Antworten auf all meine Fragen. 

Deshalb habe ich beschlossen nach eben diesen zu suchen und meinem Selbst auf der Reise zu jeder einzelnen Antwort ein bisschen näher zu kommen. „Schön Sie kennen zu lernen, Frau Martschinke!“, würde mein „Ich“ zu mir sagen und antworten würde ich mit: „Emma. Nennen Sie mich einfach Emma!“, und wir würden uns die klebrigen Smacks Hände reichen und leicht debil grinsen. 

Die Welt ist eine komische, kleine Kugel in unserem Universum, die sich für wichtig hält, es aber nicht ist. Mal entscheidet sie sich dunkel und düster zu sein, mal ist es ihr glitzernd bunt einfach lieber. 

Wenn nun einmal im Jahr Vorwürfe zu Vorsätzen werden, der Sekt nicht ganz so bitter schmeckt, wie er es sonst tut, und Menschen über Tiger fallen, dann ist Silvester; und diese komische, kleine Kugel entscheidet sich im Feierrausch zu explodieren, um noch einmal von neuem zu beginnen. Die Frage ist, ob das mit dem Neubeginn denn so gut klappt, wenn der Meeresspiegel schon um Meter gestiegen ist und man gleich am 1. Januar Tonnen von Müll in die Luft schießt. Aber gut, das ist eben unsere Art des Feierns: Hey, schon wieder ein Jahr, in dem wir uns nicht so verhalten haben, wie wir das vielleicht hätten tun sollen. Schon wieder ein Jahr, dass wir verabschieden mit den Worten: Gott sei Dank und Hallo 2019! Auf dass du besser wirst, als das Jahr zuvor! 

Ich habe das mal durchgerechnet. Zählt man A (Unzufriedenheit) und B (keine Lust etwas zu ändern) zusammen kommt man auf das Ergebnis C – Niemand wird so jemals glücklich werden. Also versuche ich das kommende Jahr 2019 zu nehmen wie es kommt, um am Ende wenigstens sagen zu können: Du 2019, ich hab's echt mit dir versucht. Ganz ehrlich. 

Um das wirklich am Ende des Jahres behaupten zu können, habe ich eine ganze Liste an Vorsätzen erstellt, die mir bei diesem Versuch helfen sollen:

 Emmas Liste der Dinge, die sie sich nicht nur hinter die Ohren schreiben sollte, sondern auch auf Körperstellen, an denen Emma sie lesen kann: Sei zuversichtlicher. Du hast auch 2018 überstanden.Sei mutiger. Mutig wie ein Tiger. Vielleicht stolpert 2019 dann Jemand über dich, und ihr werdet Freunde. Sei immer für die Menschen da, die du liebst. Denn sie sind es auch. Lies ein bisschen mehr. Vielleicht wächst dann dein Gehirn und du wirst Professorin. Kümmere dich um deine Gesundheit. Ja, das heißt "mach Sport". Leider. Nehme dir weniger vor, aber zieh diese Dinge durch. Alle. Hab Spaß an Neuem. Wie wär's mit Bungee Jumping? Erweitere deine Sockensammlung. Sie machen dich glücklich. Sei nicht so zerstreut. Kauf dir ein Kehrblech. Iss weniger Nutella. Erdnussbutter ist auch lecker.

© 2020 Emma Martschinke

Emma Martschinke

Bussardstraße 61

91088 Bubenreuth 

0178 - 5610658 

martschinke.emma@web.de

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