Wenn das Haus knarzt und stöhnt, ist Emil das Alleinsein so gar nicht recht. Besonders nachts, wenn die Ecken dunkel und die Gänge leer sind und die Fensterläden am Haus rütteln.Emil ist böse auf seine Mama. Er will kein leeres Haus und auch keine Langeweile. Er will nicht alleine sein.

 

Heute ist wieder ein typischer „Alleinetag“. Emils Mama ist schon zur Arbeit, bevor er aufgewacht ist. Jetzt lebt er also wieder einmal in seiner „Alleinewelt“. 

 

Gerade sitzt Emil wütend auf der Bank vor dem Haus und zerrupft Laub zu Zick-Zack-Zähnen.„Immer muss ich alles alleine tun.Alleine frühstücken, alleine aufräumen, alleine Hausaufgaben machen. Alleine spielen, klappt so überhaupt gar nicht.“ Er bohrt seine Fäuste tief in die Hosentaschen und stampft wieder ins Haus. Immer, wenn seine Mama weg ist, hat Emil auf nichts Lust. Er kann nichts dagegen tun; Emil wird zum Wut-Emil. Er merkt dann richtig, dass er gar nicht mehr denkt - er ist einfach nur grimmig. Vor sich hin jaulend rumpelt er die Treppe hoch und schmeißt sich auf sein Bett. Dabei kracht der Lattenrost lauter als sonst. Also krabbelt Emil unters Bett. Eine Holzlatte ist genau in der Mitte durchgebrochen. Na toll! Das hat ihm jetzt gerade noch gefehlt! Und natürlich kein Papa im Haus, der so etwas gleich reparieren kann; so wie Papas das normalerweise machen. Also rüttelt Emil selbst ungeduldig am Lattenrost. Es knackt nochmal und er hat ein ganzes Stück Holz in der Hand. Erbost reißt er das Fenster auf und schleudert das Stück in den Vorgarten. Das fühlt sich irgendwie gut an.

 

Er schreit einmal ganz laut und tritt mit voller Wucht gegen die Wand. Eine große Delle bleibt an der Stelle zurück, der Putz rieselt auf den Boden. „Raar!“, grölt er und rennt durch das Haus; wieder einmal hat ihn die Wut gepackt. Alles, was er in die Hände bekommt, macht er kaputt: Er zerfetzt alle Kissen, reißt die Regaltüren aus ihren Angeln. Nicht mal das Sofa bleibt ganz. Alle Teile donnert er aus dem Fenster; vor dem Haus hat sich schon ein riesiger Berg aus Müll aufgetürmt. Die Wut macht dem Wut-Emil langsam so richtig Spaß.

 

In seiner Raserei will Emil gerade eine Tür eintreten, da dröhnt es durch das ganze Haus: „Hey! Jetzt reicht’s mir aber, Emil!“ Emil hält in seiner Bewegung inne. Was war das denn? Er dreht sich nach links und dann nach rechts. 

Wie immer ist keiner da. 

„Hallo?“, fragt Emil. „Komm nur her, wenn du dich traust! Das ist mein Haus, ich wohne schon so lange alleine hier. Hier besiegt mich keiner!“ Er fuchtelt wild entschlossen mit seinen Fäusten herum. 

 

„Psst, Emil! Alles okay, ich bin´s nur, das Haus! Ich bin ein bisschen überrascht, dass ich DEIN Haus sein soll. So wie du dich hier aufführst, könnte man das zwar gut und gerne denken! Aber ich gehöre seit 164 Jahren mir allein.“ Der Boden wackelt und beugt sich, als das Haus zum ersten Mal mit Emil redet.

 

„Wieso bitte hab ich dann noch nie was von dir gehört? Ich dachte immer, ich bin hier ganz allein“, scheppert Emil sicherer, als er sich eigentlich fühlt. Erst sagt das Haus lange gar nichts, doch dann erwidert es: „Weißt du, Emil, wir Häuser sind normalerweise ziemlich ruhig. Der Gesprächsstoff geht einem nach so langer Zeit einfach aus. Außerdem werd’ ich nicht jünger; mein Kamin ist verstopft und das Dach wird langsam schwer. Schon seit Jahren stampfst du hier durch meine Flure! Du lässt deinen ganzen Zorn an mir aus, obwohl ich dir nichts getan hab’! Und heute, heute hast du den Bogen überspannt! Mir tut alles weh! Wie kann man nur so zornig sein, dass man alles kaputt macht?“ 

Emil guckt sich in dem Chaos um, das er veranstaltet hat. Sein Ärger verfliegt, als er sieht, was er dem Haus angetan hat. „Weißt du, Haus, immer alleine zu sein macht mich so unglaublich wütend. Da kann ich dann nicht anders...“ „Das verstehe ich schon, aber du bist ja nicht alleine, wenn du in mir wohnst, oder?“, neckt das Haus ihn aufmunternd.

 

Emil bleibt mit hängendem Kopf im Flur stehen und  Wut-Emil ist verschwunden und hat ihn alleine gelassen. „Allein durch den ganzen Wind, den du hier gemacht hast, hängen alle meine Rahmen jetzt total schief an den Wänden und davon ist mir schwindelig“,  schmollt das Haus ein bisschen. Emil rückt eifrig alle Bilder gerade. „Besser?”, fragt er. „Ja“, sagt das Haus und von da an sind die beiden Freunde.

 

Ab diesem Moment machen die beiden alles nur noch gemeinsam. Sie reden viel und lachen laut und Emil fühlt sich das erste Mal in seinem Leben nicht mehr alleine. Eines Abends fragt Emil das Haus: „Haus? Ich will hier weg, ich will nichts mehr kaputt machen und schon gar nicht mehr böse sein. Ich will ans Meer, ich hab gehört, da wird man glücklich... Um Himmels Willen, Haus! Wir könnten doch gemeinsam dorthin gehen! Wenn wir jetzt loslaufen, könnten wir es schaffen, bevor der Winter kommt!“ Das Haus bleibt lange still, dann schüttelt es sich und wankt traurig ein bisschen hin und her. 

 

„Emil. Wie soll ich denn laufen? Ich bin ein Haus.“

 

„Hm... stimmt. Da hast du Recht, liebes Haus. Daran hab ich nicht gedacht“, seufzt Emil. Doch nach ein bisschen Grummeln und Denken federt er auf seinem Bett auf und ab. „Haus! Wir können dir einfach Beine bauen! Ich habe so viele Sachen kaputt gemacht, die ich jetzt nicht mehr gebrauchen kann. Wir können meinen ganzen „Wutmüll“ aus dem Vorgarten dafür nehmen!“

 

Am gleichen Abend wird gehämmert und gesägt. Als beide schlafen gehen, ist der linke große Zeh fertig.

 

Die Wochen vergehen und der Wutmüllberg schrumpft von Tag zu Tag. Das Bauen ist nicht einfach, weil das Haus ja riesige Beine braucht, um sein Gewicht tragen zu können. Also benutzt Emil ganz viel Kleber. 

Emil muss gar nicht mehr an seine Mama denken. Er wird nicht mehr böse. Nicht einmal dann, als er sich mit dem Hammer auf den Finger schlägt. Und anstatt alles kaputt zu machen, findet er immer mehr Spaß daran, Neues zu bauen. Doch draußen wird es dunkler und kälter und auch der Wind stört beim Bauen von Häuserbeinen. Emil arbeitet so schnell er kann, und einen Tag vor Wintereinbruch ist er tatsächlich fertig. 

 

„Tadaaa!“, schreit er, damit das Haus sein Werk betrachtet. „Ich habe wirklich noch nie in meinem Leben so schöne Beine gesehen, Emil“, seufzt das Haus glückselig.

„Haus?“, fragt Emil. „Ja?”, sagt das Haus. „Wenn ich mit dir zusammen bin, dann fühle ich mich... zu Haus’!“ Emil legt sich in sein Bett und die letzten Sonnenstrahlen wirbeln wild durch das Zimmer, als wären sie lebendig. Denn das Haus läuft wackelig los in Richtung Meer. 

 

Vielleicht schreibt er seiner Mama mal und dann kommt sie nach.

© 2020 Emma Martschinke

Emma Martschinke

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91088 Bubenreuth 

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