Das Thema Fleisch ist für mich zu einem überdimensionalen Fettnäpfchen (nur tierische Fette) geworden und ich spreche mit kaum jemandem darüber. Denn das jeweilige Gegenüber könnte entweder radikaler Veganer oder eingefleischter Fleischesser sein. Und egal auf welcher Seite ich stehe, irgendwer fühlt sich immer auf die Latzhose oder die Grillschürze getreten. 

Die eigene Ernährung wird von vielen fanatischer zelebriert, als ihre religiösen Gesinnungen und statt den verschiedensten Gottheiten wird plötzlich Süßkartoffeln gehuldigt und Mini-Wini-Wurstketten werden zum Rosenkranz. Alle Vorurteile und Rassismen des kleinen Wutbürgers werden unter den Teppich gekehrt, denn es gibt jetzt nur noch „Wurst-Nazis“oder „Tiermörder“.  Aber wenn es nun kein Dazwischen mehr gibt, wo steh’ dann ich?

 

Vor knapp zwei Jahrzehnten (ich werde alt) stand ich an der Fleisch-Theke und wurde zu einer Entscheidung gezwungen. Die nette Metzgersfrau, die es überall zu geben scheint, nahm eine Wurst aus der Auslage, Gelb-, Bärchen-, Gesichts- oder Kinderwurst, die meine Mama gar nicht kaufen wollte, schnitt was ab und reichte sie mir. Ein gut gemeintes Geschenk, eine kleine, leckere Scheibe totes Tier, die ich nicht als solches verstand. Ich musste mich strecken, um der Wurst entgegen zu kommen und meine Mutter half mir bei der Entscheidung, reichte mir das Stück und meinte: „Sag Danke!“ Und wenn ich heute mit Mama zum Metzger gehe,  gibt’s immer noch was extra (so alt bin ich denn doch noch nicht, oder so groß). Aber strecken muss ich mich nicht mehr. Und helfen muss mir auch keiner mehr. 

 

Und sie, die Wurst, schmeckt mir bis heute. Ich bin Fleischesser, wäre aber lieber vegan. Zumal ich jetzt weiß, dass zwar in Bärchenwurst kein Bär und in der Kinderwurst meist auch kein Kind, aber auch in der freundlichsten Gesichtswurst ein totes Tier steckt.

Fleisch ist für uns Alltag geworden, es gehört zu beinahe jeder Mahlzeit. Ich kann mir ein Leben ohne nicht vorstellen. Doch manchmal frage ich mich, wie ich heute leben würde, wäre ich damals zu klein für diese Wurst, diesen Teaser auf mehr gewesen. Wäre ich vegetarisch oder sogar vegan erzogen worden, wäre ich jetzt glücklicher und gesünder? Und hätte ich ein besseres Gewissen?

 

Sicherlich. Deshalb versuche ich seit einem Monat auf Fleisch zu verzichten. Das ist gar nicht so einfach, wenn man in einer großen Familie lebt und die Mutter eine 5-Sterneköchin ist - Spezialität: Sonntags-Braten und Schnitzel. 

 

Ich lebe noch nicht komplett fleischlos, esse mich durch die verschiedensten Fleischersatzprodukte und kaufe mir vegane Kochbücher. 

 

Begleitet mich auf meiner Reise glücklich zu essen. Dazu gehört auch, dass ich beim Metzger „Nein, Danke!“ sage, zur kleinen Scheibe totes Tier. Denn das ist es. Das vergessen wir nur manchmal.

Eines warmen Abends im Mai saß ich auf meiner Terrasse und der Hunger nagte an mir. Er nagte schon den ganzen Nachmittag, den ich auf einer Liege in meinem Garten verbracht hatte. Und ich hinderte den Hunger nicht am Nagen und hoffte, dass er auf meiner Liege eine dünne Schönheit zurückließ. Ich nannte diesen Zustand damals liebevoll Diät, statt Prokrastination und Sporthass. 

 

Die Zeit der Diäten habe ich hinter mir gelassen. Ich glaube nicht mehr an den Kohlsuppengott, dem ich  zehn Kilo Speck und alles an Würde opfern wollte, um ins Paradies der Schlanken zu gelangen. Den gibt es nämlich offensichtlich nicht. 

 

Damals im Mai versuchte ich mir noch einzureden, dass nichts zu essen das beste Essen sei. Ich lag den ganzen Tag in der Sonne und ließ den Hunger Nagetier sein. Eine kleine Maus mit Lust auf Speck – genau wie ich. Die Sonne flirrte auf der Straße und die die ersten Sommerwütigen zündeten ihre Grille an. Der Duft von Wurst und guter Laune vernebelte mir die Sinne. Ich hatte den ganzen Tag nur Orangen gegessen und konnte meinen entwursteten Körper kein Stück von der Stelle bewegen.

 

Eine Frage beschäftigte mich schon mehrere Stunden. Wenn der Hunger so groß war, dass am Ende des Tages nichts mehr von mir auf der Liege bliebe, wer würde dann für mich zum Kühlschrank gehen? In weiser Voraussicht hatte ich das Telefon schon neben meine Liege gelegt. Ich betrachtete es ein paar Minuten. Sollte ich mir wirklich etwas zu essen bestellen? Ist es das alles wert? Ich habe doch so gut durchgehalten... Aber selbst die vielen Orangen in meinem Körper schrien nach Fett und Kalorien. Ich starrte auf die Tasten des Telefons, um mich an die Nummer von Joeys zu erinnern und dachte an Pizza mit Käserand. 

 

In dieser extremen Notlage im Mai wünschte ich mir einen Pizzanotruf. Wie wäre es mit 505, das sähe aus wie „SOS“ und ich könnte es mir vielleicht merken. Oder gleich 000, den Füllstand meines Magens, der sich nun zusammen zog wie eine kleine Rosine. 


Irgendwie schaffte ich es, mich von der Liege zu wälzen und rollte mit Beinen aus Wackelpudding Richtung Computer. Nach einem Orangentag wählte ich mit zittrigen Fingern die Nummer des Pizzaboten. Ich weiß noch, dass ich während der gefühlten Stunden Wartezeit und meinem Hungerdelirium nur eines denken konnte: Wenn ich „Joey’s Pizza“ esse, dann hat Joey doch keine Pizza mehr.

 

An den Lieferanten kann ich mich kaum noch erinnern, als er ankam, lag ich schon auf dem Boden. Er wollte mich mit ins Restaurant nehmen und setzte mich in die Pizzataschen an der Seite seines Rollers. In der Pizzeria gaben sie mir den Schmelzkäse intravenös und nach einer Weile und fünf Pizzen später setzte ich mich mit immer noch wackeligen Beinen an den Tisch. 

 

Ich erinnere mich noch heute daran, dass ich der Regierung auf drei Servietten mitteilte, dass ich ihre Notrufnummern sehr eingeschränkt fände - ganz high von Fett und Käse. Es wäre fahrlässig keine Käsehotline für betroffene Pizzoholiker einzurichten. Bis heute habe ich noch keine Antwort bekommen.

 

Ihr merkt, ich bin auch nur ein Mensch mit Gefühlen, Pizza-Hunger und dem Wunsch nach einem flachen Bauch. Die Moral von der Geschichte ist aber letztendlich nicht, sich die Pizzaboten-Nummer auf die Kurzwahltaste zu legen. Nummer 1 der Dinge, die ich aus meinem Käse-Koma lernte: Hunger ist nie die Lösung, denn was auf Hunger folgt, ist einfach nur noch mehr Hunger. Und zweitens:  Man sollte immer eine Pizza in der Kühltruhe haben.

 

Denn wenn man gesund leben möchte, muss man nicht darauf achten, wie viel man isst, sondern was und vor allemwieman es isst.

 

Deshalb geht es für euch Pizzaliebhaber hier zum Rezept für eine eigene, gesunde Glücklich-Pizza – auch für die Kühltruhe! 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte Wurst als krebserregend ein. Auch Fleisch wurde als „wahrscheinlich krebserregend“ markiert. Ein Wunder, dass noch niemand Fernsehen und Faulsein auf die Liste der „wahrscheinlich krebserregenden“ Dinge geschrieben hat. Ich habe das Gefühl, dass diese Liste täglich wächst und wächst. Noch schneller als die Liste mit den vermeintlich gesunden Superfoods. Und das soll was heißen. Trotzdem muss man bei Fleisch und verarbeiteter Ware aufpassen. Ein hoher Konsum bedeutet Herz-Kreislauf-Probleme, einen hohen Cholesterinspiegel und viel zu viel Salz. Außerdem wechseln viele Menschen aus ethischen Gründen zu einer vegetarischen, oder gar veganen Lebensweise.

 

Und wenn die Industrie eines kann, dann ist es Trends erkennen und bedienen (siehe super Superfoods). So bringt plötzlich die Rügenwalder Mühle ihre vegetarischen Schinken-Spicker auf den Markt und zum Grillen das fleischlose Steak von Aldi – und das alles vegetarisch.

 

Da kommt relativ schnell die Frage auf: Was ist in einem vegetarischen Steak drin? Fleischloses Fleisch? Vegetarische Tiere? Magie? 

 

Was nach einem Magie-Wurst-Schnitzel-Tieraussieht, ist der Versuch, dem Menschen das Leben mit Fleisch zu ermöglichen – ohne Fleisch. Zumindest soll es danach schmecken und die menschliche Fleischeslust befriedigen. Als Fleischersatz gelten Lebensmittel, die nicht nur geschmacklich und gustatorisch an tierische Produkte erinnern, sondern auch ähnliche Proteinwerte haben.

 

Die gängigsten Varianten sind Lupine, Sojabohnen, Tempeh (aus Soja), Tofu (aus Soja) und Yuba (aus Soja) sowie Seitan (Weizenfleisch). In den meistens Fällen wird das enthaltene Protein aus den Pflanzen und Bohnen ausgewaschen, gepresst und gewürzt. Wenn ich Soja oder Weizen wäre, hätte ich Bock, ein Brot zu sein, oder noch besser: ein Muffin. Oder einfach nur Weizen – aber doch kein Steak. 

 

Forscher arbeiten nun an Fleisch, dass sie aus Stammzellen herstellen können. Wissenschaftler der Universität Maastrichtstellten im August 2013 den ersten Stammzellen-Burger vor. Also wenn ich tatsächlich etwas aus Stammzellen zaubern könnte, dann wäre das ein Heilmittel gegen Krebs, ein Kätzchen, das niemals wächst, oder Brüste, die von selbst an mir wachsen - aber doch kein Burger. 

 

Zurück zu den Ersatzprodukten. Ökotest hat im letzten Jahr eine große Palette an Fleischersatzprodukten, den Magie-Wurst-Schnitzel-Tieren getestet. Keine dieser Waren wurden mit der Note „gut“ bewertet. Wieso? Sie sind doch fleischlos? Weil aber alles nach Tier schmecken soll, wird mit viel zu viel Salz und anderen Geschmacksverstärkern gewürzt. Nur so wird ein Klumpen Soja zur Veggie-Wurst. Durch ungesunde Zutaten.

 

Der Salzgehalt der vegetarischen Alternativen ist trotzdem meist nicht viel höher als in normaler Wurst-Wurst und man tut etwas für die Klimabilanz. Für Soja werden momentan zwar große Teile des Regenwaldes abgeholzt, aber diese Fläche wird für das Soja gebraucht, das wir für die Tierhaltung benötigen – sprich für Futter. Man spricht hier von einem hohen Verlust an Nahrungsenergie. Denn wir stecken das Soja in den „Tierveredelungsprozess“ (so wird das tatsächlich genannt). Mit diesem Soja könnten wir uns selbst ernähren, ohne Tiere essen zu müssen. Das Institut für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE) ist sogar der Meinung, dass das landwirtschaftlichePotenzial der Erde mehr als ausreichend ist, um alle Menschen weltweit und dauerhaft ernähren zu können – gesund und fleischarm. Und ohne Hunger.

 

Wenn jetzt alle nur Fleischersatz essen würden, gäbe es weniger Tiere und damit auch viel weniger Treibhausgase. Nicht nur bei der Futterproduktion entsteht unheimlich viel CO2. Auch die Tiere selbst verdauen, was das Zeug hält. Dabei wird vor allem Methan frei. 

 

Wenn man sich also entschieden hat, fleischlos zu leben, sei es aus gesundheitlichen Gründen oder wegen des Klimas, dann scheint der Fleischersatz eine relativ gute Alternative zu sein, oder?

 

Meine Oma hat schon immer gesagt: Am gesündesten lebt man, wenn man von allem ein bisschen isst. So ist das auch bei Fleisch und Fleischersatzprodukten. In kleinen Mengen ist beides von der Deutschen Gesellschaft für gesunde Ernährung als ungefährlich eingestuft worden; das Fleisch sogar als wichtiger Bestandteil der Ernährungspyramide.

 

Für mich persönlich ist die Sache relativ klar: als Übergang greife ich gerne mal zum Magie-Wurst-Schnitzel-Tier, das wächst nämlich auf Bäumen und nicht in Legebatterien. Ich versuche aus ethischen Gründen immer weniger Fleisch zu konsumieren. Und bis dahin ist Soja und Co. mein kleines Helferlein in fleischlosen Zeiten. Nicht mehr und nicht weniger. 

© 2020 Emma Martschinke

Emma Martschinke

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